Mehr Lehrkräfte durch Crowd-Sourcing – Gastbeitrag von Stefanie Remlinger

Veröffentlicht im Tagesspiegel vom 28.11.2018

Personal ist ein äußerst knappes Gut an Berlins Schulen, insbesondere an jenen in besonders schwieriger Lage. Es gibt etwa 30 Schulen, an denen sich viele Probleme dauerhaft ballen: Einkommensarmut oder Arbeitslosigkeit der Eltern, sozial- und bildungsbenachteiligte Kinder, interkulturelle oder interreligiöse Konflikte, Gewaltvorfälle und erschöpfte pädagogische Teams. Für diese schwierigen Bedingungen braucht es die besten Lehrerinnen und Lehrer. Wer aber sind die besten, und wie kriegen wir sie dazu, an diese Schulen zu gehen?

Zwang hilft hier nicht weiter. Der Spandauer Swen Schulz, für die SPD im Bundestag, schrieb im Tagesspiegel, man solle die Verbeamtung wieder einführen, dann könne man diese Beamten an die schwierigsten Schulen versetzen. Das halte ich für unrealistisch. Nicht nur, dass ich mich nicht erinnern kann, wann je eine solche Versetzung wider Willen stattgefunden hätte, sondern auch weil sie die Gefahr birgt, dass sich das Personal innerlich verabschiedet.

Die Bildungsforschung zeigt, dass Lehrkräfte am besten sind, wenn sie eine hohe Eigenmotivation mitbringen. Diese erhalten sie sich, wenn sie von den pädagogischen Methoden, die sie anwenden, überzeugt sind und Erfolge bei den Kindern sehen. Die besten Pädagoginnen und Pädagogen sind diejenigen, die Kindern etwas zutrauen und sie in ihren Stärken fördern. Nur dann kann wirklich guter Unterricht entstehen, der sich den Gegebenheiten stellt.

Genau hier müssen wir ansetzen. Wir brauchen Lehrkräfte, die diese Herausforderung motiviert annehmen, und gerne im Team arbeiten. Deshalb schlage ich ein neues Instrument der Personalgewinnung vor: das Lehrkräfte-Crowd-Sourcing: Der Senat stellt Schulen mit besonderen Problemen zusätzliche Mittel für zehn Prozent mehr Lehrerstellen zur Verfügung. Der Senat lobt dann in einer bundesweiten Kampagne für jede dieser Schulen einen Wettbewerb aus. Den Zuschlag erhält die Schule aber nur, wenn sie gleich ein ganzes und ausreichend großes neues Team – eine „Crowd“ aus voll ausgebildeten, motivierten Lehrkräften – findet . Die verschiedenen Interessierten könnten mittels einer Online-Plattform zusammenfinden. Die zusätzlichen Ressourcen, die eine Schule durch diese „Crowd“ gewonnen hat, werden zur Entlastung des gesamten Kollegiums eingesetzt.

Die Suche nach einer „Crowd“, also gleich nach einer ganzen „Gruppe“ neuer Lehrer für eine Schule, schafft Anreize für Lehrer, sich zu bewerben. Sie wissen, dass sie nicht als Einzelkämpfer in eine ohnehin angespannte Situation kommen. Stattdessen können sie sicher sein, dass sie mit einem motivierten Team unter guten Bedingungen arbeiten werden. Die Bewerbung als Team macht Mut.

Die Belohnung schafft sich das neue Team selbst. Denn nur wenn die benötigte „Crowd“ an Lehrkräften erreicht wird, kann der Senat das Versprechen einlösen, das er im Rahmen der Kampagne gibt. Mit anderen Worten: alle Lehrkräfte – auch die des bisherigen Kollegiums – erhalten die Arbeitsbedingungen, die sie sich wünschen, um die Kinder an schwierigen Schulen optimal fördern zu können. Das sind deutlich kleinere Klassen, weniger Unterrichtsstunden und mehr Teamarbeit. Die „Crowd“ schafft so nicht nur den Lohn für sich selbst. Darüber hinaus profitiert die gesamte Schule. Sie bekommt eine bessere Qualifizierung der Kinder, höhere Abschlussraten, ein motivierendes Arbeitsklima für alle Lehrkräfte und ein friedliches soziales Umfeld für die Kinder.

Hinzu kommt ein Impuls zur Erneuerung für die einzelne Schule. Denn der Wettbewerb wird je nach Schule und Profil ausgestaltet. Er ist eine Chance für die jeweilige Schule, sich und ihre Schülerschaft positiv darzustellen.

Wer zweifelt, dass es Lehrerinnen und Lehrer gibt, die zeigen wollen, dass gute Schule auch unter schwierigen Bedingungen möglich ist, dem sei gesagt: Es käme auf einen Versuch an.

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