Stefanie Remlinger, MdA, Fraktion Bündnis 90/Die Günen im Abgeordnetenhaus Berlin

Stefanie Remlinger, MdA, Fraktion Bündnis 90/Die Günen im Abgeordnetenhaus Berlin

Meine Rede im Plenum zum beitragsfreien Schulessen

Plenarrede von Stefanie Remlinger am 04.04.2019 im Abgeordnetenhaus – Es gilt das gesprochene Wort: „Werte Kolleginnen und Kollegen, wir reden heute zum dritten Mal in zwei Wochen über das Thema Schulessen. Von Ihnen habe ich nicht viel Neues gehört. Wir Bündnisgrüne freuen uns nach wie vor, dass jetzt definitiv alle Schülerinnen und Schüler in den Klassen 1-6 kostenlos am Mittagessen teilnehmen können. Es ist nur billig und recht, dass nun nicht mehr zwischen offenem und gebundenem Ganztag unterschieden wird und klar ist, dass Essen zum Angebot von Schulen gehört, an denen die Kinder einen Großteil des Tages verbringen.

Uns sind die praktischen Probleme, die diese große Neuerung hervorruft, sehr bewusst, schmerzlich bewusst. Ich begrüße deshalb ausdrücklich den Werkstattprozess, den die Bildungsverwaltung ins Leben gerufen hat. Und wir nehmen sie gerne beim Wort, dass dieser Prozess nicht endet, bevor für jede Schule eine praktische Lösung vor Ort gefunden ist, und ich wiederhole auch gern, dass dazu für uns ausdrücklich auch die Frage des Personalbedarfs gehört.

Aber was ich von niemand gehört habe, ist, dass Sie sich tatsächlich Gedanken machen über gute Ernährung.

Liebe Kolleg*innen, ich habe einen wissenschaftlichen Fun Fact für Sie: Der Mensch vergisst eher seine Muttersprache als seine Essgewohnheiten. Daran erinnere ich mich nicht nur immer wieder, wenn ich in der Kantine doch wieder nach den Schweinlendchen mit Pilzen und Spätzle greife. Vielleicht aber habe ich auch deshalb auf das Thema Schulessen einen anderen Blick als Sie, denn mir und uns als Grünen geht es bei dem Gesetz eben nicht NUR ums Geld, nein, es geht auch um gute Ernährung und Ernährungsbildung, uns ist es wirklich ganz und gar nicht egal, WAS die Kinder essen und wir fragen uns, welche Essgewohnheiten wir heutzutage neu ausprägen.

Zu diesen veränderten Essgewohnheiten gehört, dass die Gemeinschaftsversorgung, dass Großküchen und Versorgung durch Caterer und Schnellrestaurants, durch Finger Food und Convenience Food, immer mehr zunimmt. Die englischen Begriffe sind dabei klares Zeichen dieser Veränderungsprozesse, und in diesen Zusammenhang steht auch das Thema Schulessen.

Wir haben in Berlin rund 180 Tausend Schülerinnen und Schüler in den Klassen 1-6. Die alle satt zu kriegen, dafür braucht man eine ganze Menge Essen, eine ganze Menge Lebensmittel. Und weil die Kinder zum Essen nicht nach Hause gehen, wo Mama oder Papa frisch gekocht haben, ist es heute an uns als Gesetzgeber, dafür zu sorgen, dass die Kinder gutes, gesundes Essen bekommen.

Deshalb sind wir als Grüne stolz und glücklich, dass der Bioanteil im Essen künftig mindestens 50 Prozent betragen wird. 100 Prozent wären uns natürlich noch lieber gewesen, aber wir sind uns auch so sicher, dass die Caterer die 50 Prozent so deutlich überbieten werden, wie sie die bisher geforderten 15 Prozent überboten haben. Das zeigt im Übrigen, wie wichtig das Thema Bio, das Thema gesunde Ernährung den Familien ist.

Deshalb ist es eine Frechheit, wenn man das Thema Bio zum Luxusthema erklärt. Ich finde es vor allem eine Frechheit den einkommensärmeren Familien gegenüber. Denn das tut so, als wären Mütter und Väter, die weniger Geld haben, nicht genauso glücklich, wenn ihre Kinder vernünftige Lebensmittel kriegen könnten!

Wir hier als Parlament haben es in der Hand, wir sind dafür verantwortlich, was die Kinder in unseren Schulen essen. Und wir können mit unserer Nachfragemacht ein starkes Signal senden in Richtung: Wir wollen eine andere Landwirtschaft. Es ist doch bizarr, dass sich heute konventionelle Landwirtschaft nennen darf, was vielfach ein Skandal ist. Denn ein Skandal ist, dass Bienen und Insekten gefährdet sind, ein Skandal ist, was an Wasser- und Gesundheit schädigenden Stoffen alltäglich, ganz konventionell, in unsere Böden eingebracht wird, ein Skandal sind viele leider konventionelle Formen der Massentierhaltung und ein Skandal ist, dass wir alle, vor allem aber unsere Kinder so ein Zeug dann auch noch essen sollen.

Werte Damen und Herren, wir können von hier aus weder die Bundespolitik noch die Agrarpolitik der Europäischen Union verändern. Aber wir hier als Land Berlin haben über unsere Nachfrage, haben über das, was wir bestellen MIT in der Hand, was unsere kleinen Berliner*innen, was die Kinder, alle Kinder, zu essen kriegen; wir müssen dafür sorgen, dass sie kein Glyphosat im Körper haben, nicht all die Pestizide und auch kein Mikroplastik, sondern gesunde Lebensmittel, gesundes Obst und Gemüse, das auch nach was schmeckt. Mindestens 50 Prozent Bioanteil ist ein großer, wichtiger Schritt in diese Richtung, mit 50 Prozent Bioanteil bringen wir ein Riesen-Stück Geschmack zurück, für alle Kinder, und das, meine Damen und Herren, das ist wirklich gute, richtig verstandene, das ist MODERNE Sozialpolitik!“

Über den Link finden Sie das Video meiner Rede im Plenum, Quelle: rbb

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