„Die Bildung und Erziehung unserer Schülerinnen und Schüler ist systemrelevant“

Meine Plenarrede vom Donnerstag, den 2. April 2020 zum Anschauen gibt es hier. Anlass war der dringlich eingebrachte Antrag der CDU, die den Senat auffordert, die bevorstehenden Osterferien zu nutzen, um Schulen zu sanieren und mit Breitband auszustatten.
Mit den Rednerinnen der anderern Regierungsfraktionen verweise ich darauf, dass Sanierungen längst geplant sind und vordringlich in Schließzeiten erledigt werden – auch ohne Maßnahmenkatalog der CDU, die hier den Eindruck erwecken will, etwas für den Mittelstand zu tun.

Plenarrede Stefanie Remlinger, 2. April 2020, – es gilt das gesprochene Wort – :

„Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Herr Stettner,
wenn ich nicht so ein höflicher Mensch wäre, würde ich sagen, was für ein dämlicher, hinnverbrannter Antrag. Aber da ich ein höflicher Mensch bin, sage ich, er ist herzlos, er ist inhuman, und er offenbart einen der Schäden, den die Digitalisierung offensichtlich bei uns allen hinterlässt: Nämlich das Denken, alles sei einfach nur auf Knopfdruck hier und jetzt verfügbar, alles ist Maschine, wir fahren rauf, wir fahren runter, wir haben Dinge theoretisch auf dem Schirm und was alles sonst noch an digitalen Metaphern unterwegs ist.

Im Verschwinden begriffen scheint aber das Gefühl für die analoge Welt, für physische Anstrengungen, praktische Limitierungen und dass hinter allem und jedem ein oder mehrere Menschen stehen muss, der etwas tut, erarbeitet, aufbereitet, ins Laufen bringt, am Funktionieren hält. Das zeigt sich daran, dass man immer dann, wenn etwas nicht funktioniert, diese Menschen offensichtlich für dämlich hält.

Anders gesagt: Herr Stettner, was glauben Sie eigentlich, was die Verwaltung macht mit fertig ausreichbaren Bauaufträgen? Sie künstlich zurück halten? Was glauben Sie eigentlich, was die Firmen bei den Schulsanierungen machen? Glauben Sie ernsthaft, die machten bisher immer Ferien, wenn die Schulen auch Ferien machten? Haben Sie sich noch nie mit so einer Firma unterhalten? Von keinem Bauleiter gehört, welche Klimmzüge die Firmen machen um Ferien zu nutzen, weil sie besser als jeder hier um Raum wissen, was es heißt, eine Schule im laufenden Betrieb zu sanieren.

Und die Digitalisierung. Nichts von dem, was Sie hier fordern ist nicht auf dem Weg. Ja, manches könnte schneller gegangen sein. Aber was wir im Moment zum Beispiel brauchen, um schneller als bisher geplant zu werden beim Breitband und ähnlichem, ist jemand, der das Behördenzuständigkeitswirrwarr durchschaut und ggf reformiert und vieles mehr – Aber dafür reichen bestimmt nicht: OSTERFERIEN.

Werte Kolleginnen und Kollegen, ich möchte die Gelegenheit, hier zu dem Antrag sprechen zu können, dafür nutzen, dem Team des Lernraums Berlin ein großes Kompliment zu machen. Sie haben buchstäblich über Nacht ein Dornröschen aus dem Schlaf geweckt und sind bereits jetzt in der Lage, potenziell alle Berliner Schulen, all die mehrhunderttausenden Schülerinnen und Schüler und ihre Familien über den Lernraum mit Bildung zu versorgen. Ja, ihr Team braucht weitere Verstärkung, ja, Sie brauchen mehr First Level Support und vielleicht auch die ein oder andere Gesetzesanpassung. Aber auch so: vielen Dank, das war bis hierher schon eine großartige Leistung!

Meine Damen und Herren, jede Krise hat ihre Chancen und dass die Corona Krise den Blick darauf schärft, was genau wir brauchen fürs Lernen im digitalen Zeitalter, das gehört zu den Chancen.

Dennoch: wenn ich in der Fragestunde nach denen gefragt habe, die wir mit digitalen Techniken nicht erreichen, dann ging es mir nicht um die Verfügbarkeit von Endgeräten wie Tablets oder Druckern.

Digitalisierung hat ihre Grenzen, wo sie nicht mit analogen Lernabläufen verschränkt wird.

Lernen ist im Kern vor allem: soziale Beziehung; Bildung kann ohne den Kontakt, ohne soziales Gefüge, ohne Interaktion mit anderen, nicht funktionieren. Auch dafür muss die Krise unseren Blick schärfen. Nicht umsonst ist heute Konsens, dass es in Schulen um Bildung und Erziehung geht, dass zu moderner Schule Sozialarbeit integral dazu gehört. Damit haben nicht nur alle diejenigen Pädagog*innen viel Erfahrung, die mit vielen Kinder aus dysfunktionalen Familien zu tun haben.

Nein, ich denke, die Bedeutung der Pädagoginnen und Pädagogen wird jetzt überall deutlich, gerade auch in den vielen Familien, wo die Eltern im Home Office sind und die Kinder im Home Schooling. Ja, auch das kann man als Chance sehen: aus der Krise und aus dem derzeitigen Stress und Chaos zuhause erwächst hoffentlich ein neuer Respekt für die Leistung von Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern und allen anderen, die zum Team Schule gehören. Ein neues Verständnis für die Notwendigkeit, die jeweiligen Rollen klar zu haben, da zu sein, zu begleiten, den ganzen Tag, die ganze Woche zu strukturieren, zu rhythmisieren, für Abwechslung ebenso zu sorgen wie für Ruhe und Konzentration, für Bewegung und vor allem auch dafür, die entscheidende Frage zu lösen: wie lässt sich Motivation zum Lernen wecken, aufrecht erhalten, immer neu befeuern?

Lassen Sie mich hier einen Gedanken zum Team Schule einfügen: Ich möchte heute besonders eben diesen Erzieherinnen und Erziehern danken, die derzeit die Notbetreuung machen. Ich möchte mich auch bei der LIGA der Wohlfahrtsverbände bedanken, dass sie die Arbeitsmotivation und das Durchhaltevermögen der Erzieherinnen und der Träger hoch gehalten haben und weiter hoch halten trotz der zur völligen Unzeit über sie hereingebrochenen Diskussion um die Weiterfinanzierung. Und ich füge hinzu: Es kann nicht befriedigen, dass die Notbetreuung auch in den Schulen ausschließlich von den Erzieherinnen und Erziehern geleistet wird. Der Gedanke einer Teamarbeit, einer Kooperation auf Augenhöhe zwischen LuL und ErzieherInnen scheint mir noch nach Vertiefung zu schreien!

Jedenfalls: Alle, die spüren, dass kein Telefonat, keine Videokonferenz und schon gar kein Twitter-Thread, keine Signal-, Telegram-, Threema-, Facebook- oder sonstige Kurznachricht ein Ersatz ist für eine echte Begegnung, für ein echtes Gespräch, für all das, was jenseits der verbalen Kommunikation und jenseits des formalen Stofflernens abläuft – all jene können sich hoffentlich hineinfühlen in die Situation und ermessen, was für eine Bildungskatastrophe Schulschließungen sein können, wenn sie lange andauern.

Meine Damen und Herren, die Digitalisierung ist toll, und sie kann gleichzeitig zur brutalstmöglichen sozialen Spaltung führen. Die Schlussschließungen treffen wieder einmal die Schwächsten am meisten. Und ich sage hier und heute: ich halte die Bildung und Erziehung unserer Schülerinnen und Schüler, und zwar ganz besonders und gerade der benachteiligten Schülerinnen und Schüler, für systemrelevant. Dieser Frage werden wir uns spätestens nach Ostern noch einmal neu zuwenden müssen.

Werte Kolleginnen und Kollegn, nutzen Sie die Osterferien. Bleiben Sie alle bitte gesund, erholen Sie sich ein bisschen – es werden schwierige Debatten werden. Vielen Dank.“

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