Stefanie Remlinger, MdA, Fraktion Bündnis 90/Die Günen im Abgeordnetenhaus Berlin

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Webinar: Willkommensklassen an Gymnasien

Protokoll des Webinars vom 25. Mai 2020 – Leitung und Moderation: Bettina Jarasch, MdA und Stefanie Remlinger, MdA

Unser Ziel ist es, dass auch geflüchteten Kindern und Jugendlichen alle Schulformen offen stehen. Dabei ist es zentral, dass Willkommenschüler*innen möglichst an den Schulen bleiben und ihren Schulabschluss machen können, an denen sie bereits angekommen sind. Die Hürden für den Übergang in Regelklassen sind allerdings an Gymnasien deutlich höher als an ISS Oder OSZ. Deshalb haben Bettina Jarasch, Sprecherin für Integration und Flucht, und Stefanie Remlinger, Stv. Fraktionsvorsitzende, am 25.05.20 ein Fachgespräch zu Willkommensklassen, zum ersten Mal mit dem Fokus auf eine bestimmte Schulart, als Videokonferenz veranstaltet.

Bei diesem Webinar wurden Perspektiven für Willkommensklassen an Gymnasien gemeinsam mit Schulleitungen, (Willkommens-)Lehrer*innen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und weiterenInteressierten diskutiert.

Die besonderen Bedürfnisse geflüchteter Schüler*innen berücksichtigen – Schulstrukturen müssen entsprechend angepasst werden

In der Veranstaltung wurde aus dem schulischen Alltag der Willkommensschüler*innen, der Lehrer*innen und Schulleitungen berichtet.

Die Erfahrungen belegen das große integrative Potenzial von Gymnasien, sofern es gelingt, die besonderen Bedürfnisse der Schüler*innenschaft angemessen zu berücksichtigen. Erfolgreich wurde mit einer Ausweitung der Stundentafel gearbeitet, um die Deutschsprachförderung in den regulären Fachunterricht integrieren zu können. Eine isolierte Sprachförderung ohne Bezug auf konkrete Unterrichtsinhalte hat sich nicht bewährt. Denn, auch wenn Schüler*innen nach einer schon gut deutsch sprechen, bleibt die Sprache das größte Hindernis bei der Erschließung der Unterrichtsinhalte.

Vor diesem Hintergrund führen auch die Brückenklassen an Gymnasien nicht automatisch zur Segregation: Viele Schüler*innen profitieren von diesem geschützten, auf sie zugeschnittenem Beschulungskonzept, sofern dabei die Übergänge in gymnasiale Regelklassen oder an die ISS gewährleistet sind. Jedoch sind Brückenklassen bislang nur als Ausnahmen genehmigungsfähig, obwohl diese Klassen die Schüler*innen nachhaltiger auf den Übergang in Regelklassen vorbereiten und vor Misserfolgen in der Qualifizierungsphase an Gymnasien bewahren können.

Auch hinsichtlich der Abschlüsse können die Gymnasien durchaus gute Erfolge vorweisen. So berichtete ein Schulleiter, dass von einer Ausnahme abgesehen, alle Schüler*innen aus den vergangenen drei Jahrgängen den eBBR oder MSA erreicht haben.

Problematisch bleibt weiterhin die große Heterogenität der Schüler*innenschaft, weil auf diese unter den derzeitigen Bedingungen nicht in geeigneter Weise eingegangen werden kann. DieWillkommensklassen werden von Analphabet*innen besucht, aber auch von Jugendlichen, die etwa aufgrund ihrer Vorbildung in kürzester Zeit in Regelklassen übergehen könnten. Zudem werden inden Willkommensklassen nicht nur Menschen mit Fluchtgeschichte, sondern auch Migrant*innen aus verschiedenen Ländern beschult. Dies wiederum hat sich als Vorteil erwiesen, da dabei nicht nur interkulturelle Kompetenzen gefördert, sondern auch der Anreiz miteinander Deutsch zusprechen erhöht wird.

Fest eingeplante Alphabetisierungs-Klassen mit eigens dafür ausgebildetem Personal sind derzeit noch nicht eingerichtet. So berichtete eine Lehrkraft von ihren Erfahrungen an einer Schule in Berlin Mitte, wo Klassen oft aus der Not heraus entstehen, es nur wenige feste Strukturen gibt und auch kein zusätzliches Personal eingesetzt werden kann. Gerade auch in der derzeitigen Corona-Krise fehlt es häufig an geeigneter Unterstützung für Schüler*innen, die aufgrund von Traumatisierungen oder kaum vorhandener formaler Vorbildung ohnehin Schwierigkeiten im Unterricht haben.

Kostenlose Fortbildungen für Lehrkräfte und Unterstützer*innen, die bei der Erschließung der Unterrichtshalte helfen können, gibt es bereits. Nur seien diese noch zu wenig bekannt. Auch wurde angeregt, gezielte Formate zu entwickeln bzw. vermehrt anzuwenden, die das Miteinander der Schüler*innenschaft aus Willkommens- und Regelklassen fördern können.

Damit verbunden wurde auch die Frage, was die Bezirksämter künftig tun können, um die Situation flächendeckend zu verbessern. Eine Möglichkeit wäre ein Lotsensystem, das einen Überblick darüber schafft, welche Konzepte sich bewährt und welche unterstützende Angebote und Strukturen in den jeweiligen Bezirken existieren und auf andere Bezirke übertragen werden könnten.

Folgende Gelingensbedingungen für Willkommensklassen an Gymnasien kristallierten sich heraus:

  1. Mehr Zeit für Sprachförderung im Fachunterricht durch Ausweitung der Stundentafel. Kein isolierter Deutschkurs ohne Bezug auf konkrete Unterrichtsinhalte.
  2. Integration der Willkommenskräfte in Stammkollegium, idealerweise führt das eingesetzte Personal gleichermaßen Unterricht in Willkommens- und Regelklassen durch.
  3. Kein überstürzter Wechsel in Regelklassen, die Übergänge müssen von individueller Situation der Jugendlichen aus gedacht werden

Themen, die wir für die weitere politische Arbeit mitnehmen, sind:

  • Sprachförderung auch in Regelklassen fortführen
  • Willkommenslehrkräfte entfristen, Sicherheit geben und für bessere Planbarkeit sorgen
  • Alphabetisierungsklassen mit eigens dafür ausgebildeten Lehrkräften einrichten, weil dieHeterogenität der Schüler*innenschaft sonst zu groß ist
  • weitere Muttersprachen in Prüfungen zulassen, dazu braucht es Lehrer*innen, die inDeutschland ausgebildet wurden
  • Schulversuch: In einem Schulversuch könnte überprüft sowie konzeptionell geschärft werden, was Gymnasien brauchen, um die neu Zugewanderten zu behalten und erfolgreichzu einem Schulabschluss zu führen.
  • Neben Fragen der Verleihung von Abschlüssen ist insbesondere die Frage der Durchlässigkeit zu betrachten.
  • Auch sollen sich die Schulversuche auf die grundsätzliche Art zu beschulen beziehen.
  • Clearingstellen in den Bezirken einrichten: Zuteilung und Verbleib der Schüler*innen muss transparenter und gezielter organisiert werden
  • Klare Regelungen für Curricula an den Schulen etablieren
  • Ergänzungsangebote rund um die Schule ausbauen

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