Familien in der Coronakrise – Bildung für Kinder realisieren und Eltern entlasten

Am Dienstag, den 2. Juni 2020 kamen auf Einladung von Stefanie Remlinger, Mitglied des Abgeordnetenhauses und stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Bildungsexpert*innen für Digitalisierung in Schulen bei einem Grünen Abend des Kreisverbands Pankow in einem Webinar zusammen.

Es diskutierten Prof. Dr. Sebastian Schädler von der Evangelischen Hochschule Berlin, Antonia Kapretz vom Projekt Digitales Lernen Berlin und Thomas Nadler, Lehrer an der Evangelischen Schule Neukölln. Darüber hinaus nahmen gut 30 weitere Interessierte am Gespräch teil, unter anderem der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise, Mitglieder des Vorstands des Bezirkselternausschusses Pankow und die Vorsitzende des Bezirkselternausschusses Steglitz-Zehlendorf. Die Moderation führte Janik Feuerhahn, Mitglied des BündnisGrünen Kreisverbands Pankow.

Angesichts der Tatsache, dass die Schulen in Berlin seit mehr als elf Wochen geschlossen beziehungsweise nur im Notbetrieb geöffnet sind, die Eltern und Kinder mit Homeoffice und Homeschooling weitgehend allein gelassen und insbesondere lernschwächere Schüler*innen und Kinder in bildungsferneren Familien abgehängt zu werden drohen, wird die Dringlichkeit der Lage von Familien in der Coronakrise deutlich. Allein in Pankow sind 41.000 Schüler*innen und damit etwa 20.000 Familien betroffen. Mangels einer anderen wirkmächtigen Lobby formiert sich in den sozialen Medien zunehmend Protest gegen diesen Zustand wie der Hashtag #coronaeltern zeigt.

Im Webinar waren sich alle einig, dass es sowohl kurzfristig wie auch langfristig wirksamer Maßnahmen bedürfe, um der Krise zu begegnen. Schüler*innen und Eltern benötigten etwa Unterstützung bei der Auswahl technischer Hilfsmittel wie Software für Videokonferenzen oder Lernplattformen. Viele weitere Themen rund um die Digitalisierung wie beispielsweise Infrastruktur, technische Ausstattung, Medienkonzepte oder digitaler Unterricht müssten systematisch angegangen werden, dafür brauche es eine klare und einheitliche Steuerung des Senats. 

Stefanie Remlinger betonte die Wichtigkeit des geschlossenen Handelns in der Regierungskoalition, machte gleichzeitig jedoch deutlich, dass sie sich als Vertretung der Lernschwächeren und der technisch Benachteiligten sehe. Dass es in Sachen Digitalisierung akuten Handlungsbedarf gebe, habe die aktuelle Situation deutlich gemacht. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass Lernen auf reale Beziehungen angewiesen sei und gleichzeitig ein vernetztes Denken für verschiedene Szenarien des Schulbetriebs etabliert werden müsse.

Professor Sebastian Schädler machte darauf aufmerksam, dass schon das Fehlen von Medienpädagogik in der Ausbildung von Lehrkräften ein Problem für die Digitalisierung der Schulen darstelle. Zwar würde der digitale Lernraum aufgestockt, aber von den Schulen nicht adäquat genutzt. Deshalb solle in das Coaching und die Fortbildung der Akteure investiert werden, denn heterogene Gruppen könnten gut und differenziert über digitale Medien unterrichtet werden. 

Antonia Kapretz vom Projekt Digitales Lernen Berlin wies in diesem Zusammenhang auf ein großes Missverständnis unter Lehrkräften hin: Man müsse nicht programmieren oder codieren lernen, um die Digitalisierung zu gestalten. Gerade mit Blick darauf, dass eine Stadt wie Berlin einen Flickenteppich an Einzellösungen zulasse, sei eine Fokussierung auf eine einheitliche Strategie notwendig. Die angebotene Projektarbeit im Bereich Digitaler Bildung werde auch wegen struktureller Probleme, die in der befristeten Finanzierung lägen, nicht wie gewünscht und notwendig angenommen. 

Thomas Nadler, Lehrer an der Evangelischen Schule Neukölln und ebendort verantwortlich für die Einführung der Digitalisierung, sieht seine Schule auch schon vor der Coronakrise gut ausgestattet mit Technik und Lernplattformen. Das digitale Lernen sei erfolgreich „bottom up“ anhand von Projekten etabliert worden, dafür sei die Kooperation von Schulleitung und Kollegium und die Rückkopplung mit den Eltern entscheidend. Insbesondere eine „Ich-kann-helfen-bei“-Plattform habe viel Energie und Zusammenarbeit im Kollegium freigesetzt. Diesen Enthusiasmus für die weitere Schulentwicklung gelte es zu nutzen.

In der für alle Teilnehmenden geöffneten Diskussion kamen zunächst die Ergebnisse der ersten Befragung des Elternausschusses von Pankow zur Sprache: Mehr als 4.000 Eltern haben daran teilgenommen, 17 Prozent können ihren Kindern kein Endgerät zur Verfügung stellen, 31 Prozent können nicht all ihren Kindern je ein Gerät zur Verfügung stellen. Als großes Problem wurde die fehlende Dienstmail der Lehrer*innen identifiziert: 12 Prozent haben gar keine Kommunikationsmöglichkeit, das betrifft vor allem die Grundschulen, in 55 Prozent der Fälle gab es keinen direkten Kontakt zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen.

Auch der mangelnde Datenschutz und die fehlenden Vorgaben des Senats bei digitalen Lerntools wurden stark kritisiert. Erschwerend hinzu kämen die Versäumnisse in der Digitalisierung der letzten Jahre und die Probleme bei der Umsetzung des Digitalpakts – Stichwort: Kofinanzierung der Länder.

Welche Lösungsvorschläge gibt es? Professor Schädler schlägt vor, dass die Senatsverwaltung den Schulen drei mögliche, datenschutzkonforme Plattformen zur Verfügung stellt und dafür Dienstvereinbarungen schließt, um Gruppenmails über zertifizierte Lernplattformen zu garantieren. Darüber hinaus brauche es Sharing-Modelle etwa für Drucker oder für soziales Lernen durch Schüler-Coaches, ältere Schüler betreuen jüngere Schüler. Im Zuge der schrittweisen Öffnung der Schulen ließen sich die Klassen jeweils hälftig aufteilen, eine Gruppe vor Ort, eine zweite Gruppe virtuell – somit wären alle live beim Unterricht mit dabei.

Frau Kapretz sieht die Senatsverwaltung in der Verantwortung, dazu beizutragen, dass neue Wege in der Zusammenarbeit zwischen Schulen und unterstützenden Projektträgern möglich sind. Möglich wäre zum Beispiel die Organisation eines Fachtags für Schulen. 

Stefanie Remlinger unterstützte die genannten Verbesserungsvorschläge, betonte jedoch auch die Notwendigkeit, die Digitalisierung neu zu denken. Angesichts einer in Krisenzeiten schwer belasteten Verwaltung und der eigenverantwortlich handelnden Schulen, müsse die nun anstehende Sommerpause genutzt werden, um einen konzeptionell arbeitenden Krisenstab aufzubauen und die Aufgaben im komplexen Verwaltungsgeflecht zu sortieren. Dazu müssten Kompetenzen gebündelt und externe Hilfe herangezogen werden. Digitalisierung bedeute auch, dass Schulen grenzübergreifend arbeiten könnten, nicht jeder müsse das Rad selbst neu erfinden. Ziel müsse sein,  jetzt Arbeitspakete zu schnüren und strukturelle Lösungen zu erarbeiten.

Wir bedanken uns sehr bei allen Beteiligten für die produktive und engagierte Diskussion. 

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