Digitale Bildung an Schulen während der Corona-Krise und Strategien zur Wiederöffnung der Schulen ’nach Corona‘

Stefanie Remlinger (Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin) und Prof. Andreas Schleicher (Direktor für Bildung und Kompetenzen der OECD) diskutierten am Montag, den 29. Juni 2020 über Digitale Bildung an Schulen während der Coronakrise und über Strategien zur Wiedereröffnung der Schulen nach Corona.

• Prof. Dr. Andreas Schleicher: Bildung ist kein Ort, sondern eine Aktivität. Die Krise hat viele Paradigmen in unserem Bildungssystem in Frage gestellt.

• Stefanie Remlinger (MdA): Normalbetrieb kann nicht das sein, was vor Corona war. Es wurde bewusst, dass wir gerade bei der Digitalisierung nicht sehr weit waren. Wir dürfen aber nicht nur Technik diskutieren, sondern wir müssen darüber sprechen, was gute digitale Bildung ist und wie die digitalen Möglichkeiten Vernetzung und Kommunikation voranbringen kann.

Moderiert wurde das Webinar von Özcan Mutlu, Mitglied des 18. Deutschen Bundestages. Es nahmen 40 weitere Interessierte am Gespräch teil.

Zunächst präsentierte Prof. Schleicher seine Analyse:

Die Krise hat viele Paradigmen darüber, wie wir Lernen begreifen und organisieren in Frage gestellt, konstatierte Prof. Schleicher. 1,5 Milliarden Schüler*innen aus 36 OECD-Staaten haben gelernt, dass Bildung kein Ort ist, sondern eine Aktivität.

Beim Managen der Pandemie bewegt sich Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Was die technische Ausstattung in den Schulen anbetrifft, rangiert Deutschland allerdings am unteren Rand der Skala; der Digitalpakt wurde noch nicht umgesetzt.

Die Schulen haben versucht, die Situation trotz mangelnder Infrastruktur zu meistern. Mit Online-Learning wurde viel erreicht, ca. 42 Prozent des Lehrplans konnte in der Krise vermittelt werden. Online-Learning verstärkte jedoch auch Ungleichheiten: viele Schüler blieben auf der Strecke, andere haben wichtige Kompetenzen wie ’selbstständiges Lernen‘ weiter ausbauen können.

Die Schulschließung legte soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten offen: Das Bildungskapital und die sozial-ökonomische Situation der Familien sind sehr unterschiedlich. Die soziale Funktion von Schule konnte durch Online-Learning nicht aufgefangen werden

Bei den Lehrkräften hat die Krise zu großen Belastungen bei der Unterrichtsvor- und Nachbereitung geführt. Die Lehrkräfte tauschten sich zwar häufig aus, aber arbeiteten am Ende isoliert. Nur 9 Prozent schauten sich den Unterricht von Kollegen an und nur 28 Prozent arbeiteten gemeinsam als Team.

In den meisten Ländern geht man davon aus, dass die Krise das Lernen nachhaltig verändern wird. Es wird eine Verzahnung von Präsenz- und Fernunterricht geben, so Prof. Schleicher.

Stefanie Remlinger betonte, dass die Rückkehr zum Normalbetrieb nach den Sommerferien nicht bedeuten kann, dass alles so bleibt, wie es vor Corona war. Die Krise mache bewusst, dass die Digitalisierung der Schulen nicht sonderlich vorangekommen sei. Es dürfe aber nicht nur Technik diskutiert werden, sondern es sei darüber zu sprechen, was gute digitale Bildung ist und wie die digitalen Möglichkeiten Vernetzung und Kommunikation voranbringen kann.

Das „Reallabor“ Coronakrise habe Möglichkeiten aufgezeigt, die im Normalbetrieb zu großen Entlastungen führen können. Die Schulen brauchen einen landeseigenen Kommunikationsdienst, der das Interagieren von Schule, Eltern, Klassen optimiert.

Eine weitere große Möglichkeit für die Entlastung der Lehrer*innen sei die Teamarbeit. Wenn in Zeiten der digitalen Revolution noch immer jede Lehrkraft jede Stunde allein vorbereitet, liefe etwas entschieden falsch.

Es brauche mehr Forschung zu guter digitaler Bildung. Anhand der Erfahrungen aus der Coronakrise müsse neu analysiert werden, wie Lernen funktioniert und wie Konzentration aufrecht gehalten werden kann. Games mit ihren Anreiz- und Belohnungstechniken könnten beispielgebend sein. Überdacht werden könne, dass Lernen nicht nur in der Schule oder zu Hause stattfinden muss, sondern flexibel überall dort, wo man sein Tablet mit hinnehmen kann.

Die Anschaffung von Tablets sei mittlerweile über die Parteigrenzen hinweg unstrittig, denn es sei diesmal fraglos, dass Kinder abgehängt wurden und Familien Unterstützung bräuchten.

Scharfe Kritik übte Stefanie Remlinger daran, dass der Topos der Eigenständigkeit und Freiheit der Schulen beim Thema Digitalisierung geradezu mißbraucht worden sei. Schulen wurden zu stark allein gelassen. Es könne nicht sein, dass jede Lehrkraft alles allein erfinden muss und jede Schule ein eigenes Medienkonzept schreibt. Die Eigenverantwortung von Schulen muss gerade beim Thema Digitalisierung und digitales Lernen neu diskutiert werden. Es bedarf einer Vereinheitlichung der grundlegenden Voraussetzungen: Breitband, WLAN, Kommunikationsdienst.

Wie kann Schule im Zeitalter des hybriden Lernens als Lebensraum erhalten bleiben, diese Frage stellte Özcan Mutlu an Stefanie Remlinger. Schule sei ein geordneter und geschützter Raum, in dem Lernen organisiert wird und von wo aus Lernen organisiert wird. Corona habe gerade gezeigt, dass Lernen soziale Beziehungen braucht und nicht nur digital organisiert werden kann. Der Lernort Schule wird daher gewiss nicht generell infrage gestellt.

Özcan Mutlu warf die Frage auf, ob und wie die Lücken geschlossen werden könnten, die die Schulschließung mit sich gebracht hat. Prof. Schleicher verneinte und betonte, dass die Lücken eher noch verstärkt würden, da der kompensatorische Effekt in Deutschland sehr gering sei. Es müsse daher entgegengewirkt werden. Angebote in der Ferienzeit seien sehr wichtig, aber die, die sie brauchen, nutzen sie wenig.

Es kam die Frage auf, wie man Lehrkräfte an der digitalen Entwicklung beteiligen könne. Prof. Schleicher betonte, dass es vor allem notwendig sei, dass man Lehrkräfte überhaupt an den Entwicklungen beteiligt. Denn vorgesetzte Lösungen werden einfach nicht genutzt, auch wenn sie gut sind. Lösungen müssen von der Basis kommen.

Aus dem Chat kam die Frage, wie die Grünen zum hybriden Lernen stünden. Stefanie Remlinger betonte, dass man nicht wieder so unvorbereitet in ein anderes Szenario als dem Normalszenario rutschen darf. Corona ist noch nicht vorbei, auch wenn an den Schulen Abstandsregeln aufgehoben werden. Es können Infektionsfälle auftreten und es kann wieder zu Situationen wie Teil- und Komplettschließungen von Schulen kommen, deshalb muss hybrides Lernen weiterhin ein Thema bleiben.

Ingrid Linke forderte Mindeststandards, wie Kontakte zwischen Lehrern und Schülern gestaltet werden sollen. Bezüglich der Lückenschließung bezeichnete sie die Sommerschule als Feigenblatt, da kaum Schüler*innen erreicht werden. Der Senat müsse aufgefordert werden, ein Konzept zu entwickeln, wie man die Lernlücken aller Kinder schließen könne. Auch Stefanie Remlinger bezweifelte die Wirkungen der Sommerschule. Die Diskussion müsse weitergehen, denn die vollen Auswirkungen von Corona-Krise sind noch nicht sichtbar. Das Hauptaugenmerk lag bislang eher auf den Abschlussprüfungen. Es müsse sich jedoch mit allen Jahrgängen auseinandergesetzt werden.

Regina Stolzenberg fragte, welche Fähig- und Fertigkeiten durch das eigenständige Lernen entstanden seien und wie diese Fertigkeiten für den Normalunterricht genutzt werden könnten. Sie berichtete über Artikel, in denen vertreten wurde, dass Schüler*innen aus Corona viel gelernt haben. Prof. Schleicher ergänzt, dass einige Schüler mehr gelernt hätten. Kinder die selbständig lernen können, die das Interesse und die Motivation mitbrachten, haben ihre Lernräume gefunden und durchaus von der Situation profitiert. Jedoch jene, die nie gelernt haben selbständig zu lernen, haben völlig abgeschaltet. Man müsse davon ausgehen, dass 20-30 Prozent der Schüler*innen nichts mitbekommen haben während der Schulschließung.

Thomas Breddermann meldete sich mit dem Statement zu Wort, dass die Coronakrise offengelegt habe, dass es ein generelles Bildungsproblem gibt, welches nicht auf Probleme bei der Digitalisierung zu beschränken sei. Prof. Schleicher bestätigte, dass die Digitalisierung die Probleme nicht geschaffen habe, aber sie verstärke die Probleme enorm. Mit schlechtem Unterricht könne man eventuell noch alle Schüler*innen im Klassenverband in der Schule erreichen. Mit schlechtem Unterricht erreiche man jedoch niemandem über den digitalen Weg – die schalten einfach ab.

Imma Hillerich (LAG Bildung) berichtete, dass Schulen selbstverständlich Lern(rück)stände ermitteln können, dafür gebe es vorhandene Instrumente. Sie stellt den Teilnehmer*innen ein Papier der Heinrich-Böll-Stiftung zur Verfügung „Recht auf Bildung in Zeiten der Pandemie“.

Am Ende warf Özcan Mutlu die Frage der Inklusion in Zeiten von Corona auf. Prof. Schleicher antwortete darauf, dass man sich von der Vorstellung trennen müsse, dass einige Schüler*innen besonderen Förderbedarf hätten und andere nicht. 100 Prozent der Schüler*innen hat Förderbedarf!

Es sei Aufgabe eines guten Schulsystems, Defizite zu erkennen. Es brauche nicht mehr Fragmentierung und Differenzierung, sondern mehr Gestaltungsspielraum für individuelles Lernen. Die Digitalisierung könne dabei zur Verbesserung enorm beitragen. Wer nach Inklusion fragt, müsse fragen: wie kann man das Schulsystem so verändern, dass es allen gerecht wird?

Stefanie Remlinger forderte abschließend, dass die Digitalisierung produktiv und gewinnbringend eingesetzt werden müsse, ohne die soziale Spaltung weiter zu vertiefen. Weder sei die komplette Ablehnung der Digitalisierung zielführend, noch sei es angemessen, komplett darauf Digitalisierung zu setzen. Es sei wichtig, die qualitative Debatte weiterzuführen.

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