Pandemie als Katalysator.

DIE Chance für eine chancengerechte Bildungspolitik?

Diskussionsbeitrag zur Sommertagung Grüne Akademie „Neue Verantwortung für eine gerechte Bildungspolitik.“

Die Pandemie war ein Schock. Die Pandemie war eine Herausforderung, ist sie immer noch. Jetzt aber kann die Pandemie auch Katalysator sein. Sicher nicht automatisch, denn jede Entwicklung ist offen und muss gestaltet werden.

Zunächst sehe ich jedoch Vieles, was in die falsche Richtung führen kann.

Auf Corona folgte bislang eine im Grunde zutiefst konservative Reaktion, gegen die wir dringend an-arbeiten müssen. In den letzten Monaten lag ein starker Fokus der Debatten auf den Themen „Stoff“, „Stofflernen“, „verpasster Stoff“, „Nachholen von Stoff“, und dem Thema „Abiturprüfungen“. Es war dagegen sehr schwer, das Recht auf Bildung für die Schwächsten ins Bewusstsein zu bringen.

Jetzt, in einer Phase relativer Normalität, zieht sich dieses konservative Verständnis – zumindest in Berlin – immer weiter, und zwar in dem Versuch, verschiedene Szenarien für den Fall einer zweiten Welle zu erstellen. Hier sagt der Bildungssenat: wir konzentrieren uns auf den Kernunterricht, im Zweifel auf die Kernfächer Deutsch und Mathematik. Wenn es ganz schlimm wird, müssen wir im Wechsel unterrichten und dann gehen wir davon aus, dass nur der halbe Stoff gelernt wird. Denn, so die recht explizite Annahme: digitales, webbasiertes Lernen funktioniert nicht, bringt nichts. Wollen wir also wirklich lieber einen halbierten Präsenzunterricht, beschränkt auf die Kernfächer, als das digitale, webbasierte Lernen auch nur ansatzweise als Möglichkeit und Chance erfolgverheißend in Betracht zu ziehen?

Ich überspitze vielleicht ein wenig, und muss an dieser Stelle wenigstens betonen, dass ich die Bedeutung der Fächer Deutsch und Mathematik durchaus zu würdigen weiß.

Ich stelle diese Thesen aber sehr bewusst in den Raum, um deutlich zu machen, was ich meine mit: „es kann auch in die völlig falsche Richtung gehen“. Denn das, was ich als konservative Reaktion charakterisieren möchte, schadet aus meiner Sicht allen Kindern, vor allem und wie immer, gerade den Schwächsten. Es ist das Gegenteil von Chancengerechtigkeit.

Was ich deshalb als unsere grüne Aufgabe sehe, ist in der Tat, den Neustart nach dem Lock-down produktiv zu machen.

Das könnte mit einem Frühjahrsputz beginnen, also mit der Frage: Was würde ich nicht noch einmal so erfinden, so aufsetzen, so machen? Was würde ich nicht noch einmal neu anschaffen, wenn es nicht schon da wäre? Raus mit dem Müll…

…und schauen wir, wie sich uns die Welt gerade darstellt:

Wir leben mitten in der digitalen Revolution. Zu diesen Veränderungsprozessen möchte ich ein paar Thesen nennen, die für unser Thema wichtig sind:
Wir stehen in einem Prozess der Entwertung von Fakten. Nicht wegen der AfD, sondern wegen der Digitalisierung. Fakten sind nur einen Klick entfernt, die spannendere Frage ist, wie man sie interpretiert. Dementsprechend ist das Wissen mit entwertet, auch das Wissen von Lehrkräften. Es sei den man unterscheidet zwischen Faktenkenntnis oder auch Informationen und echtem Wissen. Unter echtem Wissen verstehe ich die Weiterverarbeitung von Informationen durch Denken und Verstehensprozesse.

Wir sind konfrontiert mit Beschleunigungsprozessen auf allen Ebenen, etwa auch der Sehgewohnheiten. Man möge mal heute einmal Filme aus verschiedenen Dekaden anschauen, dann wird das schnell physisch spürbar. Entsprechend wichtig sind die Themen Langeweile und Unterforderung. Ich stelle das explizit in den Raum gerade auch für benachteiligte und Schüler*innen mit Migrationshintergrund. Wer multiprofessionelle Hilfekonferenzen für seine anwesenden Eltern live dolmetschen kann, ist nicht zu dumm für den Unterricht, sondern schafft es möglicherweise nicht, den Unterricht als relevant für sein oder ihr Leben zu empfinden. Realität und wie man sich ihr auch in Schule nähert, das ist eine Frage, die schwieriger und vielschichtiger geworden ist

Unbedingt zu beachten für den schulischen Kontext ist das Problem der nervösen Unruhe, die mit den oben genannten Veränderungen zusammenhängt.
Gegen diese nervöse Anspannung und Zappeligkeit hilft sicher nicht: stillsitzen.

Mit anderen Worten: auch gänzlich ohne Corona wächst aus meiner Sicht zwischen unserer heutigen Gesellschaft und einem Schulsystem, das in vielen Aspekten auch noch im 19. statt im 21. Jahrhundert stehen könnte, die Spannung immer mehr ins Unerträgliche. Wir müssen handeln, wir brauchen neue Lernkonzepte!

Wir brauchen entsprechende Schlussfolgerungen für die „sozialen Investitionen“, von denen die Rede war[1]. Damit meine ich etwa Investitionen in die digitale Grundausrüstung und in das Erschließen neuer Räume und Kooperationen.

Die Notwendigkeit dessen hat uns die Pandemie aufgezeigt. Denn sie hat uns nicht nur gezeigt, was nicht funktioniert. Sie hat uns Grundsätzliches deutlich gemacht:

– Lernen ist kein Ort, sondern eine Aktivität

– die Schule ist ein Ort, und zwar ein sozialer

– Lernen ist auch Beziehung, ein Dialog, Lernen kann nicht ohne Beziehung, Begleitung und Austausch funktionieren.

Mit diesen Erkenntnissen müssen wir uns nun fragen: Haben die Schüler*innen aber diese beziehungsreiche Begleitung an der richtigen Stelle?
Haben wir nicht bisher die Begleitung gleichgesetzt mit der Präsenzzeit im Unterricht am Ort Schule und sie genutzt für den Initialen Fakteninput, fürs Eröffnen eines neuen Themas?
Haben wir nicht das Wiederholen, Einüben, Verfestigen, Verstehen zumindest teilweise aufgegeben in der Schule, nämlich als Haus-Aufgabe, jedenfalls als Aufgabe für den oder die Einzelne?

Und können wir das, spätestens jetzt, mithilfe der verfügbaren digitalen Lernmittel, Lernsoftware, YouTube-Videos, Open Educational Ressources, etc. nicht ein Stück weit:

UMDREHEN?

Also den Kindern und Jugendlichen Aufträge geben, herausfordernde Aufträge mit offenen Fragestellungen, zu denen SIE dann:

→ initiale Recherchen ausführen, sich einlesen, Erklär- und Inhalts-Videos schauen, das also mehr selbst machen, allein machen

→ und die gemeinsame Zeit nutzen fürs Verstehen, Rückfragen klären, interpretieren und Folgerungen ziehen.

Wenn wir also verinnerlichen und umsetzen:

– dass Lernen Aktivität ist und Handarbeit, mit anfassen, spüren, begreifen,

– dass diese Aktivität im Netzwerk stattfindet und in einem offenen Prozess,

– dass es also um kooperatives Lernen und Arbeiten geht.

Und dass der Ort Schule nicht der einzige Ort ist, und nicht die einzige Tageszeit ist, an dem Lernen stattfindet und stattfinden soll, und umkehrt webbasiertes Lernen, Lernen mithilfe digitaler Medien, mithilfe von Netzwerken, nichts mit Home Schooling / Fernlernen zu tun haben sollte,

sondern dass webbasiertes Lernen natürlicher Bestandteil von Lernaktivitäten an verschiedensten Orten, in der Schule und anderswo im öffentlichen oder auch privaten Raum ist:

dann könnten die Pandemie, einhergehend mit einer digitalen Revolution, doch der letzte noch notwendige Katalysator für eine neue Lernkultur sein und damit tatsächlich eine riesengroße Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit.

– und für eine Entlastung der Lehrkräfte gleich mit –

Dafür bedarf es allerdings nichts weniger als das Arbeiten am System, nicht im System – für Lehrkräfte und Schulen, wie auch für die Bildungsverwaltung.

Die Bildungsverwaltung muss zum Beispiel nicht nur die digitale Basisinfrastruktur bereitstellen – Breitband, WLAN, Endgeräte – sondern auch den rechtlichen Rahmen anpassen.

Das betrifft die Dienstvereinbarungen zum mobilen Arbeiten, die Schuldatenverordnung muss dringend novelliert und der Datenschutz garantiert werden, ebenso muss eine ökologische Beschaffung gewährleistet sein.

Es muss also ein vernünftiger Rahmen geschaffen werden, innerhalb dessen es sich gut arbeiten lässt und die pädagogische Freiheit erst zu einer wirklichen, materiellen Freiheit wird. Das Land sollte da sehr serviceorientiert sein und das Thema eigenständige Schule nicht missbrauchen. Die Kehrseite von Eigenständigkeit ist nämlich Allein-Lassen. An die Stelle des Alleinlassens sollte eine Vertrauenskultur treten, ein Verständnis des gemeinsamen Gestaltens innerhalb gewisser Leitlinien und Erwartungen.

VIELEN DANK!

Stefanie Remlinger: Sommertagung Grüne Akademie „Neue Verantwortung für eine gerechte Bildungspolitik“., 18.09.2020


[1] Vgl. Marius R. Busemeyer, „Sozialstaat und öffentlicher Raum: Bildung als Paradigma investiver Sozialpolitik“, in: Heinrich Böll Stiftung e.V., Hg., Öffentlicher Raum. Politik der gesellschaftlichen Teilhabe und Zusammenkunft, 247-257.

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