Schule Digital? Einfach Machen!

Auswertung der Veranstaltung vom 09.11.2020

Hier der Audiomitschnitt zum Nachhören

Es haben sich 73 Bildungsaktive aus ganz Berlin in die Veranstaltung geklickt und engagiert gechattet.

Das Panel:

Jacob Chammon, Pädagoge aus Dänemark, ehemaliger Schulleiter der deutsch-skandinavischen Gemeinschaftsschule Berlin-Tempelhof, Geschäftsführender Vorstand bei Forum Bildung Digitalisierung e.V.
Guido Landreh,
Schulleiter der Pankower Reinhold-Burger-Schule (ISS), modernes Hybrid-Unterrichtskonzept für einen sog. neuen Regelbetrieb an der RBS entwickelt
Dr. Torsten Kühne, Bezirksstadtrat Pankow für Schule, Sport, Facility Management und Gesundheit, CDU-Politiker
Stefanie Remlinger, Mitglied des Abgeordnetenhauses, stellvertretende Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen, Sprecherin für Berufliche Bildung und Bildungsfinanzierung, Politikerin aus Pankow

Einführung: Carola Ehrlich-Cypra, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung, Bündnis 90/Die Grünen, Elternvertreterin einer Pankower Gemeinschaftsschule

Moderation: Kerstin Müller, Staatsministerin a.D., Bündnis 90/Die Grünen,  im Vorstand der Gesamtelternschaft eines Pankower Gymnasiums

Der Dänemark-Vergleich – Jacob Chammon

Wie bereits in der Einladung erwähnt: Berlin schaut nach Dänemark – da sieht es mit der Digitalisierung an den Schulen weit besser aus.
Jacob Chammon spricht diesbezüglich von dänischen Mythen. Auch hier funktioniere nicht alles. In Dänemark galt „schnell, schnell“. Das hatte und hat nicht nur Gutes zur Folge.
In Deutschland dagegen, würde seiner Wahrnehmung nach zu lange überlegt. In Dänemark haben die Schulen einen großen Topf Geld bekommen, konnten selbst entscheiden und haben losgelegt. In Deutschland gibt es viel zu viele Konzepte, bevor man überhaupt zaghaft startet.
Es brauche ein „Fast Forward“
Dazu sind gute Rahmenbedingungen und neue Zusammenarbeiten vonnöten. Handlungsspielräume müssen klar und rechtssicher sein.
Digitaldidaktische Konzepte müssen erarbeitet werden. Lehrer müssen sich qualifizieren. Hier sieht Jacob Chammon ein großes Problem, denn in den Schulen sei alles so eng genäht, dass niemand ernsthaft raus könne, um sich zu qualifizieren.
Das Verschicken von Arbeitsblättern per Mail sei nicht das Ziel der Digitalisierung. Normalunterricht könne nicht 1 zu 1 ins Digitale verlegt werden.
Es brauche neue Formate, neue Leistungsbewertungen, projekt- und produktorientierten Unterricht, produktives Arbeiten mit neuen Medien.
Chammons Vorschlag wäre, dass die Kommunen alle Freiheiten bekommen, Neues auszuprobieren – mit dem Ziel: gleiche, gemeinsame Prüfungen.
Digitalisierung biete für die Schüler*Innen Individualisierung, Chancengerechtigkeit, Inklusion.
Digitalisierung biete für Lehrer*Innen Unterstützung, Vernetzung, besseres Zeitmanagement und eine bessere Anbindung an die Lebenswelt der Schüler*Innen.
An den Schulen sollen alle Kulturtechniken eingeübt werden, nicht nur die alten, sondern auch die neuen, die digitalen.

Das Hybridmodell – Guido Landreh

In der Krise funktionierte nicht mehr, was bisher funktioniert hatte. Aber jede Krise bietet eine Chance. Im Lockdown hatte die Reinhold-Burger-Schule einen Hybridunterricht entwickelt, um schulisch angeleitetes Lernen zu Hause zu ermöglichen. Zunächst wurde eine Schulcloud eingerichtet.
(Hybridunterricht: Konzept anbei)

Der Hybridunterricht war ein Erfolgsmodell. Die Schüler hatten Lernzuwächse ungeahnten Ausmaßes. In der Schule wirkten sich die halben Klassenstärken positiv aus. Zu Hause hatte das Lernen im eigenen Lerntempo positive Effekte. Die Eltern sind nicht allein gelassen worden. Schule-Eltern-Schüler haben sehr gut zusammengearbeitet. Schulisch angeleitetes Lernen zu Hause ist etwas anderes als Hausaufgaben und funktioniert nicht von alleine. Die Lehrkräfte sind Lernbegleiter.
Das Fazit von Guido Landreh aus seinen Erfahrungen mit dem Hybridunterricht: Die Schüler schaffen mehr, nicht weniger /in kleineren Gruppen geht niemand verloren, alle trauen sich, keiner steigt aus / die Schule muss präsent sein für Rückfragen, ohne Resonanz geht nichts.

Aufgrund der guten Ergebnisse wollte die Reinhold-Burger-Schule das Hybridmodell auch nach dem Lockdown in der Regelunterrichtszeit weiter anwenden.

Dieses Ansinnen wurde von der Schulaufsicht abgewiesen. Nicht rechtskonform. Keine weiteren Erklärungen. Leider.

Schulen brauchen Spielraum – Dr. Torsten Kühne

Alle Schulen in Pankow sind an das Internet angeschlossen, aber eben nicht an Breitband, 1 Gigabit. Kühne hofft, dass im nächsten Jahr die Ausschreibung durch sind und in den nächsten 3-4 Jahren Breitband Realität sein wird. Mit den Leitungen, die jetzt anliegen, versuche er das Maximum rauszuholen. Da seien sie die dran.
Hybridunterricht im Sinne von: eine Hälfte der Schüler*innen ist in der Schule, die andere schaltet sich zu. Soweit sind wir leider noch nicht. Aber das wäre der anzustrebende Ansatz.
Die hardwareseitigen Voraussetzungen zu schaffen, dauere am längsten. Hier brauche es Standardmusterlösungen, eine Verquickung von Digitalisierung mit der Schulbauoffensive. Und es müssten auch temporäre Übergangslösungen möglich sein.
Das Problem softwareseitig sei, dass der Lernraum Berlin das einzige zugelassene Tool sei. Hier gibt es hohe Anforderungen an den Datenschutz. Die während des Lockdowns selbstgefundene Lösungen der Schulen, Zoom etc. wurden stark kritisiert, das könne auch nicht richtig sein. Schulen brauchen einen Spielraum, in dem sie agieren können.
Allerdings darf die IT-Sicherheit nicht zurückgestellt werden. Nicht Schnelligkeit vor Sicherheit. Zentralisierung und Standardisierung sei vernünftig. Im Moment allerdings hat jede Schule seine eigene Lösung gestrickt.
Es bedarf einer besseren personellen Ausstattung. Durch das hybride Modell hätten Lehrer doppelte Arbeit. Jedoch habe der Bezirk keine personelle Unterstützung bekommen. Die Basis muss unterstützt werden.
Zuständigkeiten müssen geklärt werden. ITDZ, Bezirk, private Anbieter wollen unter einen Hut gebracht werden.

Es herrschen Veränderungsängste – Stefanie Remlinger

Zunächst reagierte Stefanie Remlinger auf die Frage Guido Landrehs, warum der eingeübte Hybridunterricht nicht während der Regelunterrichtszeit weiter ausgeübt werden dürfe: Direkte Order von Senatorin und Staatssekretärin. Diese seien der Überzeugung, dass hybrider Unterricht nicht funktioniere, man verliere die Kinder und das könne nicht verantwortet werden.

Der Schulleiter müsse garantieren, dass kein Kind verloren geht – dabei verlieren wir tausende Kinder durch den Normalunterricht.

Es herrschen Veränderungsängste. Dabei werden die Guten ausgebremst und das mit sozialer Motivation. Zu überprüfen, ob Kinder verloren gehen, müsse schulaufsichtliche Aufgabe sein, man dürfe doch nicht mit derart groben Instrumenten Engagement ausbremsen. Der Zustand, an allem Althergebrachten festzuhalten, sei skandalös.
Unterrichtsformen, in die wir in der Krise hineingeschockt werden, seien nützlich und innovativ. Lernen ist kein Ort, sondern eine Aktivität. Stefanie Remlinger berichtete, dass viele Schulleiter, mit denen sie in den vergangenen Tagen und Wochen gesprochen hatte, ähnliches zu berichten wussten, wie Guido Landreh. Es wurden im Hybridunterricht Lernergebnisse erzielt, von denen nicht zu träumen gewagt wurde. Geplante Schulversuche des hybriden Unterrichts wurden untersagt.
Beim Datenschutz, meinte Stefanie Remlinger, wäre „Einfach machen!“ ein wenig geeigneter Weg. Es gilt das europäische Datenschutzrecht. Aber auch hier seien die Schulen allein gelassen worden. Es könne nicht sein, dass die einzelne Schule den Datenschutz-Standard gegenüber den Firmen einfordern muss. Das könne man ebenso wenig allein den Schulen überlassen, wie die Schulen allein auch kein Glasfaser legen können. Hier muss auf Landesebene agiert werden. Datenschutz ist umsetzbar. Allerdings sei die Datenschutzverordnung von 1994 und nicht für die digitale Welt gemacht. Den pädagogischen Raum freizustellen von Datenschutz sei jedoch nicht das Ziel. Seitens des Senats müsse mit der Datenschutzaufsichtsbehörde gesprochen werden.
Die passive Verkabelung ist eine große Aufgabe. Stefanie Remlinger bleibt aber lieber an den großen Tankern dran, statt einen Flickenteppich an Notfalllösungen etabliert zu wissen.
Für die pädagogische Beratung, das Training und die Anleitung gehörten Ed-Tech-Coaches an die Schulen.

Fragen & Diskussion

Hybridunterricht

Guido Landreh wies an dieser Stelle darauf hin, dass hybride Unterrichtsmodelle nicht kostenneutral zu haben sind. Es sei allerdings allemal billiger, als die Klassen zu halbieren und alle in der Schule unterzubringen. Und die Klassen müssten halbiert werden.
Außerdem äußerte er die Idee, den Digitalpakt an Programmagenturen zu übergeben, statt die Steuerung der Senatsverwaltung zu überlassen.

Elternrolle

Es geht nicht darum, Aufgaben von Schule an die Eltern zu delegieren. Eltern sind keine Ersatzlehrer. Aber es geht um elterliche Verantwortung. Schule und Eltern müssen sich vernetzen. Die Schule begegnet den Eltern mit Wertschätzung. Lernen ist ein gemeinsamer Prozess.

Hybridunterricht = Ende des Ganztags?

Befreien wir uns von dem Dogma, es ginge nur mit Ganztag. Schule ist und bleibt ein Ganztagsbetrieb, aber als organisches Modell. Außerschulische Lernorte gehören dazu. Das Zuhause ein wesentlicher Lernort.

Soziale Gerechtigkeit

Was geht bei Grundschulkindern? Sind Leistungsschwächere immer in der Schule zu beschulen? Dies wird auch Thema einer der nächsten Veranstaltungen „Schule Digital!“ sein.

Alexander Schwedt, Sprecher AG-Digitalisierung im Landeselternausschuss (LEA) Berlinberichtet, dass am Otto-Nagel-Gymnasium auch ein Schulversuch Hybrides Lernen stattfinden sollte, dieser wurde in einen Testlauf bis zum 15. Dezember umgewandelt.
Er schlägt vor, dass sich alle Schulen und Politikern, die da auf dem Weg sind, zusammenschließen. Man müsse parallel an die Senatsverwaltung herantreten

Was ist das Ziel?
Welche Kompetenzen brauchen die Schüler, wird gefragt.
Jacob Chammon dazu: Die Welt brauche keine Fächer. Die Kinder müssen lernen, Herausforderungen zu verstehen und zu lösen. Von alten Mustern müsse man loskommen und etwas Neues machen. Weg von der 45-Minuten-Tyrranei.

Fazit – Carola Ehrlich-Cypra

„Schule Digital? Einfach Machen!“ ist ein Prozess. Wir brauchen Geduld und Tempo. Nachsicht und Leidenschaft. Mut zum Ausprobieren, ohne Angst. Analog-Digital sind keine Gegensätze, sie können sich ergänzen. Dazu brauchen die Schulen Freiräume, die sie im Sinne der eigenverantwortlichen Schule eigentlich haben. Die Senatsbildungsverwaltung nimmt den Schulen die Luft zum Atmen, zum Ausprobieren, sie baut keine Brücken zu Schulen, die jetzt in der Krise neue Wege gehen wollen, verantwortlich ausprobieren und an erster Stelle immer an ihre Schüler*innen denken. So wie die Reinhold-Burger-Schule.

Nächste Termine und Schwerpunkte
Mit der Diskussion „Schule Digital?“ geht es weiter Januar.
Weitere Themen sind: Digitales Lernen und Inklusion, Gelingensbedingungen Hybrides Lernen, Digitalität in der Grundschule.

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