Nachlese zur Veranstaltung „Schule Digital – Alles Paletti?“

Erfahrungen und Probleme im zweiten Lockdown
Back To Normal nach Corona? Digitaler Kulturwandel für die Schulen.

2. offene digitale Diskussionsveranstaltung B‘90/Grüne, KV-Pankow
am 04.02.2021 | 20:00-22:00

Es haben sich über 80 Bildungsaktive aus ganz Berlin in die Veranstaltung geklickt und engagiert gechattet.

Das Podium:

Marina Weisband, Bloggerin, Autorin und Expertin auf dem Gebiet Digitalisierung

Thomas Tursics, Mitglied der AG Digitalisierung des LEA(Landeselternausschuss Berlin), der eine Internet-Karte der Berliner Schulen entwickelt hat

Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, Schulleiter des Ernst-Abbe Gymnasium im Brennpunktkiez in Neukölln mit einem ausgefeilten digital/analogen Lernkonzept, Vorsitzender der AG Schule im Fachausschuss V der SPD Berlin

Stefanie Remlinger, Mitglied des Abgeordnetenhauses, stellv. Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen, Sprecherin für Berufliche Bildung und Bildungsfinanzierung

Einführung & Moderation: Carola Ehrlich-Cypra & Kerstin Müller, Bündnis 90/Die Grünen

Back to normal? Hoffentlich nicht! – Tilmann Kötterheinrich-Wedekind

Im ersten Lockdown, so Kötterheinrich-Wedekind, ging einiges daneben. Der Unterricht wurde mit den Mitteln durchgeführt, die gerade greifbar waren. Es habe Probleme mit der Partizipation gegeben. 20-30 Prozent der Schülerinnen und Schüler wurden nicht erreicht, u.a. wegen fehlender Ausstattung.
Daraufhin wurden alle bedürftigen Schülerinnen und Schüler mit Endgeräten ausgestatten – das sei das geringste Problem gewesen. Der Breitbandanschluss lasse zwar zu wünschen übrig, jedoch konnte mit Hilfe des Bezirksamtes das Maximum rausgeholt werden. Die größte Hürde sei die soziale Situation der Schüler zu Hause gewesen. Die Lösung: digitale Notbetreuung. Alle Schülerinnen und Schüler, denen es nicht möglich ist zu Hause selbständig zu arbeiten, konnten in die Schule kommen oder wurden in die Schule geholt, wo sie Unterstützung und Beratung fanden.
Als Lernplattform habe sich die Schule gegen den Lernraum und für die HPI-Cloud entschieden. Der Grund: selbständiges und partizipatives Lernen werde hier als besser möglich erachtet. Wichtig sei ein Tool, das die Aufgaben und Kommunikationswege zentralisiert. Die Cloud sei wenig Top-Down-orientiert, es gebe jedoch klare Kommunikationsregeln. Klar sei schnell geworden, dass ein online-Stundenplan nicht wie ein normaler Stundenplan aussehen könne. Kein 45 min-Takt, sondern Lern-Blöcke, die Möglichkeit, Lernen für sich selbst zu arrangieren. Im Kollegium wurde eine schulinterne Fortbildung organisiert. Es gebe jetzt große Expertise, viele Menschen, die Unterschiedliches können.
Es gibt einen hohen Anteil an Videokonferenzen. Aber Videokonferenzen seien nicht das zentrale Element. Frontalunterricht per Video brächte nichts. Schülerinnen und Schüler arbeiten viel in Eigenrecherche, mit unterschiedlichen Materialangeboten. In der Cloud wurde versucht den Schulraum abzubilden, durch den sich die Schülerinnen und Schüler Wege durch die Plattform schaffen können.
Es könne festgestellt werden, dass das selbständige Arbeiten zunimmt. Klar sei, dass nicht alle erreicht werden. Es gibt daher nach wie vor aufsuchende Schulsozialarbeit und im Ernstfall auch Schulversäumnisanzeigen. Damit solle auch deutlich gemacht werden, dass Digitalunterricht genauso viel wert und genauso wichtig sei wie Normalunterricht.
Schulleitungen müssen weg vom passiven Krisenmanagement hin zum Befördern der Veränderung: Technologieängste nehmen, Beteiligungsmöglichkeiten organisieren, fortbilden.
Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte begegneten sich im digitalen Unterricht ein Stückchen mehr auf Augenhöhe, es gebe bessere Möglichkeiten der individuellen Förderung, Lernen 2.0 hieße Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation & Kollaboration.
Back to normal? Hoffentlich nicht!

Corona als Chance? Reformen sind überfällig! – Marina Weisband

Eine Reform des Bildungssystems sei längst überfällig. Unsere Schule sei für eine Industriegesellschaft gemacht, auf eine Berufsausbildung. Heute müssten Kinder vorbereitet werden auf Berufe, die es noch gar nicht gibt, in einer digitalisierten Gesellschaft. Die Schule hätte keine Monopolstellung in Sachen Wissen. Wissen ist überall. Schule heute müsse der Ort sein, an dem wir lernen, dieses Wissen zu strukturieren, zu nutzen und uns in der Welt zu orientieren, demokratisch zu handeln. Die Schulen seien noch nicht soweit – man lerne noch immer für Prüfungen.
Was Corona verstärkt hat ist: projektorientiertes Arbeiten, selbständiges Arbeiten, asynchrones Arbeiten, fachübergreifendes Arbeiten und das Lernen aus einer intrinsischen Motivation heraus.
Weisband schlägt für die Coronazeit und auch für die Zeit danach vor, mehr auf das Lernen in Kleingruppen, Lerntandems zu setzen, die auch altersübergreifend sein sollen.
Wir hätten gerade guten Chancen, Bildung im 21. Jahrhundert zu denken und sollten bloß nicht versuchen, mit digitalen Mitteln analoge Konzepte umzusetzen. Wir sehen die Chance, Bildung individueller und multimedialer anzugehen. Fremdspachen lernen im Austausch mit Muttersprachlern sei heute kein Problem; morgens um 8 Uhr ausnahmslos aufnahmefähig zu sein für Bruchrechnung sei nicht notwendig.
Heute unter den Zwängen von Corona plädiert Weisband für mehr Interaktion im öffentlichen Raum, in vakanten Gebäuden etc. Hier können (feste) Kleingruppen von Schülern zusammenkommen, Ältere können Jüngere unterrichten. Auch das Lehren unterstütze das Lernen. Damit schüfe man Lerngerechtigkeit und gleichzeitig Modelle für ein Lernen der Zukunft.
Was dem entgegen steht sind administrative, bürokratische Hürden im Bildungssystem.
Lehrpläne müssten dringend überarbeitet werden und auch die Fortbildungsstrukturen. Lehrer müssen sich mehr austauschen und netzwerken. Wir sehen gerade in dieser Zeit, wie wichtig und wertvoll das sei.

Desweitern stellt Weisband das Projekt Aula vor: http://aula-blog.website/was-ist-aula/

Aufgabe von Politik? Transformation und agile Verwaltung – Stefanie Remlinger

Angesprochen auf die Risiken der Digitalisierung – schließlich geht die gesellschaftliche Diskussion auch in diese Richtung – dankt Remlinger zunächst allen Schulen, da die Verantwortungsübernahme enorm sei, alle Schulen haben sich auf dem Weg gemacht und laut Schulaufsicht kämen fast keine Elternbeschwerden mehr jetzt im zweiten Lockdown. Die Diskussion um die Risiken, Schülerinnen und Schüler zu verlieren, werde falsch geführt, zumal den Schulen vom Senat nur dann Handlungsfreiheit zugesichert bekämen, wenn sie KEINE Schülerinnen und Schüler verlieren würden. Einerseits könne man nicht eben behaupten, dass die Schulen im Normalbetrieb nicht auch enorm viele Schülerinnen und Schüler verlieren würden und andererseits berichten Schulen immer wieder von großen, unerwarteten und ungeahnten Erfolgen im Distanzunterricht. Es werde deutlich, dass eben jene Schülerinnen und Schüler, die jetzt mit ihren Lernerfolgen überraschen würden, in den großen Klassen schlicht untergehen würden. Gruppengrößen seien offenbar ein enormes Problem.

Eine Schule berichtete ihr gar, dass sie Volldistanzunterricht gegenüber Wechselsystemen bevorzugen würde.
Back to normal? Eher nicht – aber nicht weil vorher alles schlecht gewesen sei. Deutlich sei, dass das Spannungsfeld Schule – digitalisierte Welt sehr groß sei. Schule sei aber auch eine Institution, die stets austariere, wann Veränderungsprozesse aufgenommen werden müssen und wann man bei all der Veränderung auch Anker sein muss. Die Digitalisierung ist eine Kulturrevolution, die man nach Corona nicht rückgängig machen könne, auch nicht an Schule – die sich lange genug nicht bewegt habe. Nichtsdestotrotz sei Schule sehr wohl ein wichtiger Ort und soziale Probleme würden durch Corona in der Tat vertieft. Man müsse sich auf das derzeitige Reallabor einlassen, müsse es aber auch sehr aufmerksam beobachten.
Aufgabe der Politik sei es, Organisationsentwicklung zu betreiben und staatliches Handeln zu transformieren. Das allerdings sei ein Hammer von Aufgabe.
Eigentlich sollten bis Ende 2021 alle Berliner Schulen an das Breitband angeschlossen sein – sind sie aber nicht. Staatliche Verwaltung sei nicht in der Lage, eine so komplexe Veränderung zu handhaben. Von so einer agilen Verwaltung seien wir weit entfernt. Die IKT-Steuerung, angesiedelt bei SenInnDS, habe sich geweigert, den Koalitionsvertrag umzusetzen und habe aktiv dagegen gearbeitet, das E-Government-Gesetz umzusetzen, auf dass das ITDZ befähigt sein würde, die Schulen entsprechend den Anforderungen auszustatten. Somit dilettiere und scheitere die Bildungsverwaltung zwangsläufig darin, das selbst auf die Reihe zu bekommen.

Breitband an der Schule? Die lahme Lage – Thomas Tursics

Die meisten Schulen hätten einen 16 Mbit-Anschluss, nach Auskunft der Telekom wäre an den Anschlussstellen allerdings oftmals bis zu 250 Mbit möglich. Über die Hälfte der Schulen könnten derzeit nicht sinnvoll mit dem Internet arbeiten, zumindest keine Videokonferenzen durchführen. Spandau sei eine rühmliche Ausnahme, dort gebe es sogar Gigabitanschlüsse.
Mit einem 16 Mbit-Anschluss könne man allenfalls ein, maximal zwei Videokonferenzen gleichzeitig durchführen, wobei man bedenken müsse, dass die 16 Mbit Downloadgeschwindigkeit ist; bei Videokonferenz brauche man Upload – und damit sehe es noch schlechter aus.
Aktuell greife man auf die Ressourcen zu Hause zu; Videokonferenzen sind so möglich. Wenn der Wechselunterricht kommt, würde das definitiv nicht mehr möglich sein.
Eine Zwischenlösung könne die Pop-up-Lösung sein. Damit könne man das LTE-Funknetz nutzen. Telekom und Vodafon bieten Bildungseinrichtungen derzeit günstig (10 € mtl.) LTE-Router an.
Für das Wissen, was gute Lösungen sind, seien Eltern eine sehr gute Ressource.
Gemeinsam mit der gesamten Schulgemeinschaft Lösungen zu suchen – und dabei auch Queerbeet zu denken – sei ein gutes Mittel.

Schnelles Internet? Nicht in diesem Jahr – Stefanie Remlinger

In der Tat seien Zwischenlösungen sehr wichtig. Da passe auch nicht die eine Zwischenlösung auf alle Schulen. Remlinger setze sich stark dafür ein, dass die Schulen selbst bestimmen und einkaufen dürfen. Die Vergaberichtlinien des Bundes sind entsprechend gelockert worden; im Land Berlin ist beschlossen worden, dass die Bezirke kein Minus machen – bedeutet: coronabedingte Mehrausgaben werden von Land ausgeglichen. Die Schulen sollten diese Chance ergreifen; die Schulämter die Lehrmittelfonds erhöhen. Den Schulen solle vertraut werden, dass sie in verantwortbarem Rahmen Geld ausgeben. Denn sie bräuchten praktikable Zwischenlösungen. Schnelles Internet für die Schulen – in diesem Jahr wird das nicht klappen.
Der Zeitplan für den Breitbandanschluss der Schulen sehe folgendermaßen aus: bestenfalls in ein/zwei Monaten werden die Ausschreibungen, die SenBJF macht, veröffentlicht. Frühestens sechs Monate später erfolgt der Zuschlag. Dann werden pro Jahr maximal 250 Schulen an das Breitband angeschlossen. Das kann schlimmstenfalls bis 2026 dauern.
Dass das schneller geht, sei Inhalt von Verhandlungen, die Remlinger derzeit führt. Die Grünen haben vor Monaten ein beschleunigendes Konzept vorgeschlagen, kleinteilig aufbereitet, was zu tun wäre. Sie habe den Rechnungshof hinter sich, den Datenschutz, die Finanzverwaltung und auch die Bildungsverwaltung – es sei ihnen leider gemeinsam noch nicht gelungen, die Innenverwaltung in die Knie zu zwingen. In einigen Tagen wird es möglicherweise ein Schlichtungsgespräch zwischen Grünen und IKT-Steuerung beim Regierenden Bürgermeister geben.

Diskussion

Warum konnten die Mittel aus dem Digital-Pakt nicht schneller und unbürokratischer fließen?

Stefanie Remlinger: Endgeräte dürfen erst aus diesen Mitteln finanziert werden, wenn das Breitband liegt und das WLAN an den Schulen funktioniert. Wenn die Rahmenbedingungen nicht gegeben sind, fließen keine Mittel, entstehen finanzielle Engpässe. Der Bund hat nachgesteuert und Geld für Endgeräte und Lehrerlaptops zur Verfügung gestellt. Alles in allem aber eine frustrierende Situation. Die Schulämter seien darüber hinaus zum Teil personell nicht hinreichend ausgestattet. Es wäre aber wünschenswert, wenn seitens dieser mehr Mut zum Bewilligen der Anträge aus den Schulen bestünde. Alle Schulen haben Medienkonzepte geschrieben, in denen steht was sie brauchen.
Darüber hinaus sei sie mit der Finanzverwaltung in Verhandlung, dass die Kosten für die Infrastruktur zunächst rausgerechnet, also reserviert würden, auf dass das „restliche“ Geld jetzt, wo es gebraucht wird, zur Verfügung stünde. Die Grünen errechneten gerade die Kosten für die strukturierte Verkabelung. Auch das Land müsse Geld in die Hand nehmen und könne nicht erwarten, dass alles der Bund finanziert.

Thomas Tursics: IT-Administratoren und/ oder Ed-Tech-Coaches werden dringend benötigt. Wenn in jedem Klassenraum ein WLan-Router installiert wird und mal einer ausfällt, und dann in der nächsten Woche irgendwann erst jemand vorbeikommt, um zu reparieren – das funktioniere so nicht. Die Mengen an Laptops und Tablets müssen gewartet werden. Momentan wird auf externe Dienstleister zurückgegriffen – die hätten aber nicht das Know-how, das die Schule braucht.

Lernmanagement-Systeme / Datenschutz

Herr Klein, OSZ: Da Lernraum nicht zuverlässig funktioniert, sei das OSZ auf MS-Teams umgestiegen. Damit seien sie sehr zufrieden, haben zu 94 Prozent unterrichten können, MS-Teams und Lernraum nutzend. Sie haben definitiv keine Schülerinnen und Schüler verloren. Sie dürfen MS-Teams aber nicht benutzen. Office 365 steht bei der Ampel der Datenschutzbeauftragten auf Rot. Es werde im Moment nicht gezielt gegen Schulen vorgegangen, die so etwas benutzen, und es wird coronamäßig geduldet.
In anderen Ländern ist MS-Teams erlaubt. Die Infrastruktur an der Schule funktioniert, aber der Schulleiter laufe Gefahr seinen Job zu verlieren, weil er Software einsetzt, die den Bildungsauftrag zwar erfüllt, aber durch die Datenschutzbeauftragte nicht genehmigt ist. Dafür brauche er politische Unterstützung.

Kerstin Müller: an ihrer Schule wird die HPI-Cloud benutzt. Es gibt noch kein Signal aus der Bildungsverwaltung, ob diese Lösung genutzt werden dürfe

Markus Plän: Warnt davor, dass verfassungsgemäße Grundrechte aus Bequemlichkeits- oder Praktikabilitätsgründen über Bord geworfen würden. Es muss seitens der Politik auf die großen Konzerne wie Microsoft zugegangen werden, auf dass diese aufgefordert seien, dass sie sich an die gängige Gesetzeslage in Deutschland halten sollen. Wenn wir unsere Datensouveränität behalten wollen, können Google, Microsoft etc. nicht ins Boot geholt werden.
Wiederum ist die Materie so komplex, dass eine White-List oder Black-List nicht zielführend und verlässlich sein kann. Allein Zoom hätte 2020 über 30 Mal seine AGB verändert. Es braucht dahingehend technische und juristische Kompetenz an den Schulen. Vor Ort müssen gute, vernetzte, multiprofessionelle Teams arbeiten. Dafür fehlen derzeit die Ressourcen.

Basti Hirsch zur HPI-Schulcloud: HPI-Schulcloud ist ein öffentlich gefördertes Projekt in Open Source entwickelt. Niedersachen, Brandenburg und Thüringen haben die HPI-Schulcloud als Landeslösung zur Verfügung stellen. In Berlin nutzen ca. 120 Schulen die HPI-Schulcloud, derzeit kostenlos. Die HPI-Cloud werde demnächst outgesourced. Wie genau sich das ausgestaltet, wer die Nachfolgeorganisation sein wird und was es dann kostet, sei noch nicht bekannt.

Was tun, wenn das, was angeboten wird, nichts taugt? Welche Lösungen sind möglich? Wie umgehen mit der Grauzone?


Marina Weisband:
In der Not stehen wir vor einem Dilemma. Es ist falsch, dass Lehrkräfte entscheiden müssten zwischen Open Source, datenschutzfreundlichen Tools auf der einen Seite und sehr benutzerfreundlichen, guten und stabilen Tools auf der anderen. Lehrkräfte sollen anmachen können – und es funktioniert. Sie selbst versuche, Lerntools open source zu entwickeln. Es scheitert schon daran, dass im öffentlichen Bereich Programmierer nach E9 bezahlt werden – auf dem freien Markt arbeite niemand für das Geld. Unterm Strich: die öffentliche Hand plane und finanziere schlechte Software.

Stefanie Remlinger: Die Frage stehe in der Tat ernsthaft, ob der Staat da jemals mithalten kann. Sicher gebe es Möglichkeiten, auch jenseits E9 zu zahlen. Man stünde vor der Entscheidung, ob es ein einheitliches Lernsystem geben muss oder ob sich jede Schule ein Lernsystem wähle. In jedem Falle müsse das Land sicherstellen, dass Datenschutz, Jugendschutz, Informationssicherheit gewährleistet werde. Das könne keinesfalls jede einzelne Schule leisten. Der politische Diskussionsstand ist, dass in den Lernraum weiter investiert wird und das ist höchste Zeit, dass der Lernraum noch gehalten werden könne.

Jan Esser: Glaubt nicht, dass eine Diskussion über Produkte geführt werden solle. Das Problem sei die Struktur: Wenn es den Lehrkräften überlassen wird, die Plattform auszuwählen, diese datenschutzkonform auszustatten und dass diese dann auch den Kopf dafür hinhalten sollen, dass alles passt und funktioniert – dann müsse das scheitern. Es brauche Kompetenzen an den Schulen, die für die Lernplattformen verantwortlich sind – und das können nicht die Lehrkräfte sein.

Thomas Hess: Die Bildungsverwaltung dürfe nicht entscheiden, welche Lernplattform welche Lehrkräfte einsetzen. Dies sei jedoch in der Praxis bei der Komplexität der Materie nicht durchzuhalten. Es brauche ein Auswahlangebot.

Stefanie Remlinger: Die Schulen brauchen IT-Administratoren und Ed-Tech-Coaches, die den Lehrern bei solchen Entscheidungen helfen. Das Land darf sich nicht raushalten und muss prüfen. Das besagt auch das E-Government-Gesetz: es ist nicht Zuständigkeit der einzelnen Schule.

Was kommt nach Corona? Back to Normal?

Tilman Kötterheinrich-Wedekind: Digitaler Unterricht kann soziales Lernen nicht ersetzen. Nach der Krise wird Lernen sich verändern: individuelle, personifizierte Konzepte werden eine große Rolle spielen. Lernen wird sich wegbewegen von Klassenräumen, festen Zeiteinheiten, Lernpersonen, Klassenstufen und Jahrgängen. Dieser Prozess, ob mit digitaler Begleitung oder nicht, ließe sich nicht mehr aufhalten.

Judith Bauch: Schule werde gerade zu einem Sehnsuchtsort und ist wesentlich mehr als Deutsch-Mathe-Englisch. Die Ganztagsschule setze stark auf gemeinsames, soziales Lernen – müsse sich aber dem selbständigen Lernen mehr öffnen.

Marina Weisband: digitales Lernen und soziales Lernen sei kein Widerspruch. Es gibt soziales Lernen und individuelles Lernen – beides sei wichtig – und es gibt analoges und digitales Lernen. Es könne digital vernetzter gelernt werden als im analogen Schulraum. Schule wird gewiss nie als Raum abgeschafft werden. Schule in der digitalisierten Welt ist Schule, die viel besser vernetzt ist mit der eigenen Kommune und der Welt.

Fortbildung der Lehrkräfte? Was können/sollen Lehrkräfte leisten?

Herr Klein: Ca. ein Drittel der Kollegen hatte sich vor dem Lockdown noch nie mit der digitalen Infrastruktur beschäftigt. Viele verweigerten sich. Alles, was IT anbetrifft, ist freiwillig. Im zweiten Lockdown allerdings hat das Kollegium verstanden, dass sich alle gemeinsam auf den Weg machen müssen. Jedoch, es ist ein mühseliges Geschäft. Man muss den Kollegen die Ängste nehmen. Alle haben miteinander gelernt, dass sie miteinander lernen müssen. Am OSZ ist es möglicherweise einfacher. Sie sind von Ressourcen und Personal her gut ausgestattet. Die Zuversicht ist groß, dass sie das hinkriegen. Der Innovationsschub geht durch die gesamte Schullandschaft. Was fehle, sei der rechtliche Rahmen, der gestattet sich auszuprobieren, was geht und was geht auch zu Hause.

Stefanie Remlinger: Es gebe viel aufzuholen, allerdings sei auch zu betonen, dass die Lehrkräfte viel besser sind als ihr Ruf, gerade auch beim Thema Digitalisierung. Die Köller-Kommission hat eine verstärkte Fortbildung empfohlen. Wichtig sei Fortbildung auch im Über-die-Schulter-gucken-Format. Im Wahlprogramm der Grünen wird verankert, dass die Schulen Ed-Tech-Coaches bekommen, die die Lehrkräfte in medialen und technischen Belangen begleiten. Weniger effektiv sei gewiss die nachmittägliche Fortbildung einmal die Woche zwei Stunden, wo man eine App oder eine Datenbank erklärt bekommt.

Digitales Lernen für Kinder mit besonderen Förderbedarfen, funktioniert das?

Marina Weisband: Aula werde zwar auch an einer Förderschule betrieben, sie habe darüber hinaus allerdings keine praktischen Erfahrungen in dieser speziellen Frage.

Judith Bauch: Augenmerkkinder dürfen einbestellt werden, um direkt vor Ort 3 Stunden in Präsenz zu lernen. Im ersten Lockdown wurde mit den Kindern vornehmlich telefoniert. I-Pads haben eine Vorlesefunktion, daher sind diese vorrangig an die Augenmerkkinder ausgegeben worden.

Alexander Schwedt: digitale Hilfsmittel seien für Schülerinnen und Schüler mit Handicaps oftmals besonders vorteilhaft, weil sie sich mittels dieser Hilfsmittel besonders gut einbringen und ausdrücken können.
Darüber hinaus fordert Schwedt, dass die Präsenzpflicht gesetzlich aufgeweicht würde.

Schule Digital! What comes next:
• Schule Digital! Digitales Lernen in der Grundschule.
• Schule Digital! Digitales, inklusives Lernen an Förderschulen und sonderpädagogischen Förderzentren.

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